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Riesengebirge

Die Motorrad-Reviere im Riesengebirge

Jede Ecke fährt sich anders – hier steht, welche wie.

Das Riesengebirge ist das höchste Gebirge der Sudeten und ein Revier, das man nur zur Hälfte kennt, wenn man auf einer Seite bleibt. Der Kamm bildet die Grenze zwischen Tschechien und Polen, und genau daraus zieht das Motorradfahren hier seinen Reiz: Auf tschechischer Seite heißt das Gebirge Krkonoše, auf polnischer Karkonosze, und wer beide Flanken abfährt, sammelt an einem einzigen Tag zwei Sprachen, zwei Währungen und zwei völlig verschiedene Auffahrten zum selben Gipfel. Über allem steht die Schneekoppe mit 1603 Metern – der höchste Berg, der die Landesgrenze exakt über seinen Scheitel laufen lässt.

Zwei Länder, ein Kamm: warum man das Riesengebirge doppelt fährt

Der Gebirgskamm verläuft grob in West-Ost-Richtung, und er ist keine Durchfahrtsstraße. Beide Länder haben ihre Hochlagen unter Naturschutz gestellt: auf tschechischer Seite den Krkonošský národní park (KRNAP), auf polnischer den Karkonoski Park Narodowy. Der eigentliche Grat ist damit für den Durchgangsverkehr weitgehend dicht – die Stichstraßen enden in den Bergorten, weiter oben übernehmen Wanderwege, Seilbahnen und Bauden. Das klingt nach Einschränkung, ist für den Motorradfahrer aber die Bauanleitung fürs Revier: Man fährt nicht über den Kamm, man fährt ihn von beiden Seiten an und wechselt das Land an den Passübergängen um das Massiv herum. Genau dieser Rhythmus aus Auffahrt, Talwechsel und Grenzübertritt macht das Riesengebirge zur Rundfahr-Landschaft statt zur Transitstrecke.

Die Schneekoppe – 1603 Meter Grenzgipfel

Die Schneekoppe (tschechisch Sněžka, polnisch Śnieżka) ist der Fixpunkt des Reviers. Sie ragt kegelförmig über den flacheren Rest des Kamms hinaus, und der Grenzverlauf teilt den Gipfel: Der Berg gehört beiden Ländern gleichzeitig. Hinauf kommt man nicht mit dem Motorrad – die letzten Höhenmeter sind Wanderern, der Seilbahn und den Bauden vorbehalten. Für die Tourenplanung ist der Berg trotzdem zentral, weil sich die schönsten Auffahrten an seinen Fuß legen: von Süden über Pec pod Sněžkou auf der tschechischen Seite, von Norden über Karpacz auf der polnischen. Wer beide Basisorte an einem Tag verbindet, hat den höchsten Sudetengipfel einmal komplett umrundet – und dabei die Landesgrenze gequert. Ein Hinweis, der oben kein Klischee ist: Die Schneekoppe zählt zu den windigsten und wetterhärtesten Punkten Mitteleuropas. Was im Tal Sommer ist, kann am Kamm nasskalt und zugig sein.

Tschechische Seite: Spindlermühle, Pec und das Elbe-Quellgebiet

Herzstück der Südflanke ist Špindlerův Mlýn (Spindlermühle), der bekannteste Bergort der Krkonoše. Von hier klettert die Straße in engen Kehren aus dem Talkessel in die Kammlagen hinauf – eine klassische Berg-Stichstraße, die oben an den Naturschutz stößt und nicht als offene Durchgangspiste über den historischen Spindlerpass auf die polnische Seite führt. Man fährt sie als lohnende Auffahrt hin und zurück, mit Blick über die bewaldeten Hänge des Nationalparks. Auf dem Hochplateau oberhalb von Spindlermühle liegt außerdem die Elbquelle (Pramen Labe): Einer der großen Ströme Deutschlands beginnt hier als unscheinbarer Ursprung am Riesengebirgskamm – ein Wanderziel, das man vom Motorrad aus als Fußnote mitnimmt.

Pec pod Sněžkou ist der zweite große Anlaufpunkt, direkt unter der Schneekoppe gelegen und Ausgangspunkt für die Seilbahn zum Gipfel. Die Straße endet auch hier im Ort – dahinter beginnt der geschützte Berg. Weiter im Tal liegt Vrchlabí (Hohenelbe), das Eingangstor zum tschechischen Riesengebirge und Sitz der KRNAP-Nationalparkverwaltung. Vrchlabí ist der praktische Knoten für Anreise, Tanken und Vorräte, bevor es in die Höhe geht.

Harrachov: Glashütte, Sprungschanzen und das Tor zum Isergebirge

Am Westende des Riesengebirges liegt Harrachov – und hier wird die Streckenwahl interessant, weil sich das Massiv nahtlos ins Isergebirge (Jizerské hory) fortsetzt. Der Ort ist bekannt für seine traditionsreiche Glashütte, eine der ältesten noch arbeitenden Glasmanufakturen der Region, und für seine großen Skisprungschanzen, die als Landmarke schon aus der Ferne über die Fichten ragen. Fahrerisch ist Harrachov der ideale Aufhänger für eine Zwei-Gebirge-Runde: Wer das Riesengebirge mit den ruhigeren, granitgeprägten Höhen des Isergebirges kombiniert, verlängert das Revier nach Nordwesten und bekommt kurvige Waldstraßen mit deutlich weniger Verkehr als in den Kurorten.

Grenzpässe: von Harrachov nach Szklarska Poręba

Der klassische Grenzübertritt im Westen führt von Harrachov über die Passhöhe bei Jakuszyce hinüber nach Szklarska Poręba auf der polnischen Seite. Das ist eine der lohnendsten Kammstrecken des Reviers: eine echte Passstraße über die Wasserscheide, die zwei Länder und zwei Talsysteme verbindet und dabei den einzigen bequemen Auto- und Motorrad-Übergang im westlichen Riesen-/Isergebirge bildet. Da der Hauptkamm selbst keine durchgehende Straße trägt, laufen die Länderwechsel grundsätzlich um das Massiv herum – im Westen bei Jakuszyce, im Osten in den Vorbergen um Královec und Lubawka. Für die Tagesplanung heißt das: Man legt die Grenzquerung bewusst als Etappe ein und baut die Auffahrten zu den Bergorten links und rechts davon ein.

Polnische Seite: Karpacz, Szklarska Poręba und das Hirschberger Tal

Karpacz ist das polnische Gegenstück zu Pec – der Bergort direkt unter der Nordflanke der Schneekoppe. Über den Dächern steht die Kirche Wang (Kościół Wang), eine hölzerne norwegische Stabkirche, die im 19. Jahrhundert aus Vang in Norwegen hierher versetzt wurde und heute eines der markantesten Bauwerke der ganzen Region ist. Szklarska Poręba, am Westrand der polnischen Karkonosze, hat wie das tschechische Harrachov eine Glasmacher-Tradition und liegt zwischen den Wasserfällen des Gebirges – der Wodospad Kamieńczyka zählt zu den höchsten Wasserfällen der polnischen Sudeten und ist ein beliebtes Kurzziel.

Unten im Tal öffnet sich das Hirschberger Tal (Kotlina Jeleniogórska) um die Stadt Jelenia Góra (Hirschberg). Dieses Becken ist landschaftlich eigenständig: Ringsum reihen sich Schlösser, Herrenhäuser und Parkanlagen, das „Tal der Schlösser und Gärten", das man auf ruhigen Verbindungsstraßen von Gut zu Gut abfahren kann. Als Kontrastprogramm zu den steilen Auffahrten am Kamm ist das Hirschberger Tal die entspannte Genussetappe des Reviers – flacher, kulturlastiger, mit dem Gebirge als ständigem Horizont.

Abstecher: die Felsenstadt Adersbach

Wer im Riesengebirge unterwegs ist, sollte den kurzen Sprung nach Südosten in die Adersbach-Weckelsdorfer Felsenstadt (Adršpach) einplanen. Hier hat die Erosion aus Sandstein ein Labyrinth aus Türmen, Schluchten und schmalen Gassen geformt – eine der eindrucksvollsten Felsenlandschaften Mitteleuropas, die sich als Wanderpause perfekt in einen Fahrtag einbaut. Für den Motorradfahrer ist der Reiz doppelt: Die Anfahrt durch die Vorberge der Sudeten ist kurvig, und das Ziel ist ein Naturschauspiel, das mit dem grünen Kamm des Riesengebirges nichts gemein hat.

Anreise

Wetter und Fahrsaison am Riesengebirgskamm

Das Riesengebirge ist Hochgebirge im Kleinformat, und das Wetter verhält sich entsprechend: Der Kamm fängt Wind und Wolken ab, Schauer bauen sich schnell auf, und in den Hochlagen bleibt es auch im Sommer merklich kühler als im Tal. Frühling und Herbst können am Berg bereits winterlich sein. Für die Streckenwahl bedeutet das: Auffahrten zu den Bergorten früh am Tag angehen, Regenkombi immer dabei, und bei aufziehendem Wetter lieber in die tiefer gelegenen Verbindungen ins Hirschberger Tal oder ins Isergebirge ausweichen. Die beste Fahrsaison liegt im Sommer und Frühherbst, wenn die Passstrecken frei und die Kehren trocken sind.

Praktisches für die Grenzregion: zwei Währungen, Vignette, Grüne Karte

Das Riesengebirge ist Grenzland, und das schlägt sich in der Reisevorbereitung nieder. Beide Länder gehören zum Schengen-Raum – reguläre Grenzkontrollen gibt es an den Übergängen normalerweise nicht, den Ausweis führt man trotzdem mit. Zwei getrennte Währungen sind Pflichtwissen: Tschechien rechnet in Tschechischen Kronen (CZK), Polen im Złoty (PLN) – den Euro nimmt hier keiner der beiden regulär an. Karten werden an Tankstellen und in Kurorten breit akzeptiert, ein kleiner Bargeldpuffer in beiden Währungen erspart aber Ärger an kleinen Läden und Bauden.

Zur Maut: In Tschechien gilt die bekannte Vignettenpflicht auf Autobahnen und Schnellstraßen für Pkw – Krafträder sind von der tschechischen Vignette ausgenommen, Motorradfahrer brauchen also keine zu kaufen. Konkrete Preise und den jeweils aktuellen Stand der Regelung prüft man vor der Fahrt am besten offiziell, da sich Maut- und Vignettenbedingungen ändern können. Für den Versicherungsschutz empfiehlt sich, die Grüne Versicherungskarte mitzuführen: Innerhalb der EU dient zwar schon das Kennzeichen als Deckungsnachweis, die Grüne Karte ist als Beleg im Grenzverkehr aber weiterhin die einfachste Absicherung. Wer diese drei Punkte – Währung, Vignettenregel, Versicherungsnachweis – vor dem Grenzübertritt geklärt hat, fährt das Riesengebirge ohne Reibungsverluste von der tschechischen auf die polnische Seite und zurück.

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